Kritische Online-Edition der Tagebücher
Michael Kardinal von Faulhabers (1911–1952)

05.07.2021
Die neueste Ausgabe der VfZ.
Die neueste Ausgabe der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte.

Dokumentation zum Besuch Michael Kardinal von Faulhabers bei Adolf Hitler auf dem Obersalzberg 

Aufsatz von Philipp Gahn in den Vierteljahrsheften für Zeitgeschichte erschienen – bis Oktober 2021 im Free Access .

In der neuesten Ausgabe der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte (VfZ)  ist eine Dokumentation des Projektmitarbeiters Philipp Gahn zu Kardinal Faulhabers Besuch auf dem Obersalzberg im November 1936 erschienen. Unter dem Titel „Widersprüche eines Modus Vivendi“ beleuchtet Gahn die Zeit im Vorfeld des Empfangs bis zur Verlesung der Enzyklika „Mit brennender Sorge“ im März 1937. Der Theologe macht auf die Aporie aufmerksam, in die sich Faulhaber durch seine Suche nach einem Modus Vivendi manövriert hatte, und konstatiert: „Im Zwiespalt verharrend blieb er – obwohl Hauptakteur – unentschlossen.“

Die Dokumentation beinhaltet diverse Dokumente: Erstens rekonstruiert Gahn die verschiedenen Fassungen des Berichts Faulhabers über seine Besprechung, die er unter anderem an Papst Pius XI. und seine deutschen Bischofskollegen schickte. Zweitens kommentiert er das hier bereits veröffentlichte Konzept über das Gespräch mit Hitler und macht die Stellen deutlich, die im späteren Bericht weggelassen wurden. Des Weiteren werden ein Referat Faulhabers über den Besuch, eine Pro- und Kontraliste zu den Handlungsoptionen sowie zwei Briefentwürfe an Hitler präsentiert. 

Auf der Website der VfZ  sind mehre Zusatzmaterialien veröffentlicht, unter anderem eine Zusammenstellung von zeitgenössischen Presseberichten über Faulhabers Besuch auf dem Obersalzberg. 

Bis zum Erscheinen der Oktoberausgabe der VfZ ist der Aufsatz im  Free Access auf der Website des Verlags abrufbar. 

In dieser kritischen Online-Edition werden die Tagebücher Michael Kardinal von Faulhabers und die sogenannten Beiblätter aus den Jahren 1911 bis 1952 veröffentlicht. Es bedeutet einen großen Glücksfall für die Forschung, dass diese Dokumente über einen so langen Zeitraum lückenlos überliefert sind. Erstmals wird dieser Textkorpus systematisch aus der Kurzschrift Gabelsberger übertragen und der Öffentlichkeit in Gänze zur Verfügung gestellt. Die Texte und später auch die Kommentare werden in regelmäßigen Abständen online verfügbar gemacht.

Der Münchner Erzbischof Michael Kardinal von Faulhaber (1869-1952) war ein machtbewusster Kirchenfürst, ein politischer Vordenker, ein hochgelehrter Theologe und ein internationaler Netzwerker. Er prägte die Geschichte der katholischen Kirche über zahlreiche Umbrüche hinweg, vom Kaiserreich über den Ersten Weltkrieg, die Weimarer Republik und den Zweiten Weltkrieg bis in die Besatzungszeit und die ersten Jahren der Bundesrepublik. Faulhaber mischte sich ein, nahm Stellung und scheute keinen Streit, wenn es um die Interessen der Kirche und die Verteidigung des Glaubens ging. Das brachte ihm viele Verehrer, aber auch viele Feinde ein. Besonders umstritten ist er heute wegen seiner Kriegsrechtfertigungen, seiner Kritik an der Weimarer Republik und seines Verhaltens im „Dritten Reich“.

Auch politische und kulturelle Entwicklungen beobachtete Faulhaber sehr genau – und versuchte sie zu beeinflussen. Seine Aufzeichnungen sind daher nicht nur eine wichtige Quelle für Kirchenhistoriker, sondern auch für grundlegende Fragen der deutschen und europäischen Politik-, Gesellschafts- und Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts. Die universelle Struktur der katholischen Kirche eröffnet außerdem internationale Vergleichshorizonte.

Das Editionsprojekt wird insbesondere neue Beiträge zum Verhältnis von Religion und Politik und zum Umgang der katholischen Kirche mit totalitären Ideologien ermöglichen. Gleiches gilt für innovative Forschungen zur Theologie- und Kulturgeschichte, etwa mit Blick auf personelle Netzwerke, Frömmigkeitsformen, Kriegsdeutungen und Geschlechterrollen im Katholizismus oder die Beziehungen zu anderen Glaubensgemeinschaften.

Das Team des Projekts hat sich die von Faulhaber verwendete Kurzschrift Gabelsberger angeeignet. Das Projekt trägt so dazu bei, diese Kulturtechnik vor dem Aussterben zu bewahren. Durch die technische Weiterentwicklung der Datenbanken und Darstellungsformen leistet das Projekt zudem einen Beitrag zur Verbesserung der Forschungsinfrastruktur.

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