Kritische Online-Edition der Tagebücher
Michael Kardinal von Faulhabers (1911–1952)

12.10.2020
Michael Kardinal von Faulhaber 1938
Michael Kardinal von Faulhaber 1938. Quelle: Erzbischöfliches Archiv München (Foto: Karl Reiser, Garmisch).

„Vor meinen Augen liegt das Jahr schwarz wie die Nacht und grausig wie das Höllental“

Kardinal Faulhabers Tagebuch aus dem Jahr 1938 geht online

Düstere Vorahnungen quälen Michael von Faulhaber zu Beginn des Jahres 1938. Doch die Radikalität und die Brutalität der Maßnahmen des NS-Staates gegenüber seinen erklärten Feinden, dem „Weltjudentum und seinen schwarzen und roten Bundesgenossen“, übertreffen des Erzbischofs schlimmste Befürchtungen. Schon früh im Jahr notiert Faulhaber in einem Anflug von Resignation in sein Tagebuch, dass das Vorgehen des Regimes auf nichts weniger als „die Vernichtung des Christentums“ abziele. Zu diesem Zeitpunkt machen die Nationalsozialisten keinen Hehl mehr aus ihren konkordatswidrigen Absichten, das katholische Vereins- und Verbandswesen endgültig zu liquidieren, die Ordensschulen ausnahmslos zu schließen sowie sämtliche kirchliche Schulen in staatliche Gemeinschaftsschulen umzuwandeln. Mit immer neuen Eingaben bei den zuständigen Behörden tritt der Erzbischof diesen rechtswidrigen Maßnahmen entgegen, „aber vergeblich“, wie er schreibt. Auch in seinen Predigten findet er so deutliche Worte für die Handlungen der Nationalsozialisten, dass Reichspropagandaminister Goebbels am 24. Februar in seinem Tagebuch festhält: „Cardinal Faulhaber hat wieder eine freche Rede gegen uns gehalten. Aber unsere Rache wird nicht lange auf sich warten lassen.“

Immer verzweifelter gestaltet sich die Lage der getauften Juden. Für die Rettung sogenannter „nichtarischer Christen“, die sich an ihn wenden, engagiert sich Faulhaber stark, indem er u.a. in Zusammenarbeit mit dem Caritasverband in München und dem Raphaelsverein in Hamburg deren Auswanderung fördert. Dagegen erkennt er keine originäre Zuständigkeit der katholischen Kirche, Verfolgten anderer Religionsgemeinschaften zur Seite zu stehen, weswegen er jegliches Engagement zugunsten deutscher Juden unterlässt, wiewohl er deren Schicksal zutiefst bedauert. Den Abriss der jüdischen Hauptsynagoge im Zentrum Münchens im Sommer thematisiert er in seinem Tagebuch nicht. Doch finden sich dort auch nur dürre Worte über den Abriss der evangelisch-lutherischen Matthäuskirche wenig später. Lakonisch vermerkt er über die Reichspogromnacht: „Heute Nacht die Synagoge in der Herzog-Rudolfstraße niedergebrannt und die Auslagen der Judengeschäfte eingeschlagen.“

Akribisch und ausführlich fällt hingegen seine Schilderung der ebenfalls dramatischen Ereignisse in der Nacht vom 11. auf den 12. November aus, als ein von der NS-Propaganda aufgehetzter Mob aus NSDAP-Mitgliedern, HJ, SS- und SA-Männern unter „Nach Dachau“- und „In Schutzhaft mit dem Hochverräter“-Rufen versucht, gewaltsam in das Erzbischöfliche Palais ein- und zu ihm vorzudringen. Der Sturm auf das Palais wird im letzten Moment, kurz vor dem Bersten des massiven Eingangstores, gestoppt – von der Polizei, aber vermutlich auch auf Anweisung eines hohen Parteifunktionärs.

→ Zu den Tagebucheinträgen des Jahres 1938

In dieser kritischen Online-Edition werden die Tagebücher Michael Kardinal von Faulhabers und die sogenannten Beiblätter aus den Jahren 1911 bis 1952 veröffentlicht. Es bedeutet einen großen Glücksfall für die Forschung, dass diese Dokumente über einen so langen Zeitraum lückenlos überliefert sind. Erstmals wird dieser Textkorpus systematisch aus der Kurzschrift Gabelsberger übertragen und der Öffentlichkeit in Gänze zur Verfügung gestellt. Die Texte und später auch die Kommentare werden in regelmäßigen Abständen online verfügbar gemacht.

Der Münchner Erzbischof Michael Kardinal von Faulhaber (1869-1952) war ein machtbewusster Kirchenfürst, ein politischer Vordenker, ein hochgelehrter Theologe und ein internationaler Netzwerker. Er prägte die Geschichte der katholischen Kirche über zahlreiche Umbrüche hinweg, vom Kaiserreich über den Ersten Weltkrieg, die Weimarer Republik und den Zweiten Weltkrieg bis in die Besatzungszeit und die ersten Jahren der Bundesrepublik. Faulhaber mischte sich ein, nahm Stellung und scheute keinen Streit, wenn es um die Interessen der Kirche und die Verteidigung des Glaubens ging. Das brachte ihm viele Verehrer, aber auch viele Feinde ein. Besonders umstritten ist er heute wegen seiner Kriegsrechtfertigungen, seiner Kritik an der Weimarer Republik und seines Verhaltens im „Dritten Reich“.

Auch politische und kulturelle Entwicklungen beobachtete Faulhaber sehr genau – und versuchte sie zu beeinflussen. Seine Aufzeichnungen sind daher nicht nur eine wichtige Quelle für Kirchenhistoriker, sondern auch für grundlegende Fragen der deutschen und europäischen Politik-, Gesellschafts- und Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts. Die universelle Struktur der katholischen Kirche eröffnet außerdem internationale Vergleichshorizonte.

Das Editionsprojekt wird insbesondere neue Beiträge zum Verhältnis von Religion und Politik und zum Umgang der katholischen Kirche mit totalitären Ideologien ermöglichen. Gleiches gilt für innovative Forschungen zur Theologie- und Kulturgeschichte, etwa mit Blick auf personelle Netzwerke, Frömmigkeitsformen, Kriegsdeutungen und Geschlechterrollen im Katholizismus oder die Beziehungen zu anderen Glaubensgemeinschaften.

Das Team des Projekts hat sich die von Faulhaber verwendete Kurzschrift Gabelsberger angeeignet. Das Projekt trägt so dazu bei, diese Kulturtechnik vor dem Aussterben zu bewahren. Durch die technische Weiterentwicklung der Datenbanken und Darstellungsformen leistet das Projekt zudem einen Beitrag zur Verbesserung der Forschungsinfrastruktur.

Auf dieser Website werden zum Zweck der Datenverkehrsanalyse durch die Webanalyse-Software Matomo Cookies verwendet. Mehr dazu finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.