Joseph von Soden-FraunhofenParallelansicht ⇨
Gesprächsprotokoll, 20. Februar und 8. März 1933

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Dieses Dokument ist auch ediert in: Volk, Ludwig (Bearb.), Akten Kardinal Michael von Faulhabers 1917 - 1945. Bd. 1: 1917 - 1934, Mainz 1975, Nr. 267, S. 648-650, und Nr. 273, S. 658-659.
20.2.33, Graf Soden, 10.45 - 12.45 Uhr.

Sehr ergriffen, im Auftrag seines hohen Herren, um über die politische Lage Bericht zu geben, am Schluß mit feuchten Augen: Zwei Dinge, die Gnade Gottes und unsere Arbeit, auf den Knien bittet er um den Segen. Zuerst lasse ich ihn lange allein sprechen.

In Berlin so, daß eine nationalsozialistische Diktatur kommen wird. Dort spricht man gegen Hitler nur im Flüsterton. Der eigentliche Treiber ist Goering. Seldte und andere Minister von Schwarz Weiß Rot wären froh, wenn vom Süden etwas geschehen würde. In der Nacht nach der Wahl die Nacht der langen Messer, wo die Versammlungen der Kommunisten ausgeräuchert werden sollen, also direkt Mord. Andererseits in München so, daß sich das Volk nicht mehr halten läßt. Der Christliche Bauernverein versichert, in 24 Stunden haben wir 20000 Bauern hier. Schäffer hat, und das war klug, in den Tresor nicht bloß 50 und 100, sondern auch kleineres Geld aufgespeichert, löst für zwei Monate und dann wird man sehen.

Ich erkläre 1) dankbar, sprechen zu können. Ich habe auf der Firmungsreise von der ganzen monarchischen Bewegung nichts gemerkt. Ich frage die Pfarrer: Die Leute schimpfen über die Steuer, jammern über die Not und schlechten Preise, „Der König kann jetzt auch nichts machen“. „Und die Reichswehr?“ Leeb hat erklärt, er ist nicht bloß Oberbefehlshaber, er ist auch Landeskommissar und da kann es Konflikte geben. Dann wird er Landeskommissar sein. Er wird nicht auf Bayern schießen lassen. Genug gesagt. ... „Aus Nürnberg und Oberfranken?“ Er erklärt, durch Wiederherstellung von Bayreuth viele gewonnen. Überhaupt Nordbayern stark nationalsozialistisch, Würzburg nicht. Er meint, im Norden sei auch viel Stahlhelm.

2) Ich habe mir nur drei Wege gedacht, a) entweder Staatspräsident. So gut wie in Württemberg. Er: Dagegen ist die bayerische Verfassung. Müßte also zwei Drittel Stimmen zuerst. Er müßte einen Eid ablegen auf die Verfassung. b) Oder eine Volksabstimmung, um klar zu sehen. Er meint, das Volk vor die Tatsachen stellen. Übrigens rechtlich sei Volksbegehren in Bayern allein nicht zulässig, meint er. c) Abwarten, bis im Norden das vollendete Chaos, dann ein Akt der Notwendigkeit. Er meint, sie könnten nicht warten. Alles sei gespannt.

Bayern habe so viel Kredit: In der Schweiz verkaufen sie Reichspapiere, um die Anleihe zu zeichnen. Ein Hamburger Bankmann, der in der Reichsbank sitzt, erklärt, ausgerechnet durch den Schwiegersohn von Erhard Auer, er stelle sofort sechs Millionen zur Verfügung. Bayern habe mehr Kredit als das Reich.

Im Manifest werde der König sagen: Natürlich deutsch bleiben, keine Abtrennung. Ich füge dazu: Auch sagen, als sozialer König wiederkehren, die soziale Arbeiterversicherung bleibe, den Bauern versprechen, die Spannung zwischen Erzeugung und Verbrauchern wird aufhören, keine Zwangsvollstreckung, dafür aber eine Kreditbank (das schreibt er sich auf). Schutz des christlichen Bekenntnisses, wenn auch nicht mehr in der Form des Summepiskopats (was Veit nicht will - er fragt, ob ihm einen Besuch machen? Ja. Besonders wegen Einfluß in Bayreuth. Alles was im Norden Stimmung macht), die Kirchenverträge sollen bleiben. Auch eine Amnestie. Er meint: Etwas von konfessionellem Frieden. Die großen Gehälter abbauen „Für die Zeit der Not“ (auch vor den Bischöfen nicht Halt machen). Er: Auch Schutz den Israeliten.

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Kirchliche Feier? Gewiß ein feierliches Hochamt in Gegenwart des Königs, mit Tedeum. Mission auf dem Land. Nach allen Ämtern wieder Patrona Bavaria (Er meint noch etwas mehr, ob in der Litanei. Eggersdorfer habe von einer Krönung gesprochen. Ich erkläre: Die Weihe im Pontikfikalamt unmöglich, weil Kampf gegen die Häresien. Die Krönung ist päpstliches Privileg.

Im Landesausschuß der Bayerischen Volkspartei habe Held dunkel gesprochen: Kein Staatspräsident, weil damit der Weg verbaut, den wir gehen müssen (großer Beifall), am Schluß Horlacher deutlich gesprochen und ein Sturm ging los. Röhm war früher Verbindungsmann mit dem Palais, bis er auf Anfrage erklärt: Ja, das ist so und sei heute die SA durchsucht. Seisser erklärt: Keine Truppe, keine Aufmärsche machen, der Fackelzug am kommenden Freitag von 15000 sehr bedenklich. Stahlhelm wird nicht dagegen sein, Seldte erwartet etwas. Er fragt betont: Wie sich der Papst dazu stellen werde. Ich habe keinen Anhaltspunkt, bin aber sicher, er wird, wenn sie est, anerkennen. Er meint: Gleich persönlich Telegramm schicken und Pacelli werde sicher anerkennen. Respondeo: Aber erst, wenn est. if über München müßte Belagerungszustand verhängt werden, ein großes Bauernlager; die alten Offiziere. Aber Unterkunft und gute Verpflegung. - Mitteilung an die Bischöfe müßte ich übernehmen wegen Gottesdienst dort. Ich wiederhole gegen Schluß nochmal: Ich sei nicht überzeugt, daß die monarchische Stimmung so allgemein sei und ob es ohne Anstoß von außen, weg von Chaos in Berlin, möglich sei. Die jetzigen Minister sollen im Amt bleiben, auch die Beamten „bis auf Weiteres“. Neu zu bilden: Finanzminister, Landeswehrminister.

Im Laufe des Gespräches ich: Die Bayerische Volkspartei hat keine Ziele: Dem Bauern muß geholfen werden (das müßte in Berlin gesprochen werden statt von hier), die Veteranen aufbessern. Den Kriegsgeschädigten Aufbesserung verschaffen - keine Ziele und keine Begeisterung. Der König müßte einen Fond haben - Wohlfahrtministerium. (Vergessen zu sagen: Orden und Geheimräte) Er: Die drei Hofrangklassen müssen verschwinden. Aber auf [ ... ] schon.

Und die Franzosen? Ich habe mehr Angst, sagt er, daß sie zu freundlich für uns sein könnten. Von Italien wohl keine Schwierigkeiten. Warum bald. Er: Jetzt hat Hitler noch nicht die Macht über die Reichswehr. Es ist aber bekannt, sie wollen Hindenburg wegdrängen und dann hat Hitler die Macht über die Reichswehr.

Dagegen Papen warnt.

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Soden 8.3.33 bei mir früh 9.00 Uhr am Tag meiner Abreise. Dankt für Mitteilung auf römische Antwort zu meinem Dementi in Fridericus. Grüße und Empfehlung an Pacelli. Die Lage von heute ganz anders. Vor der Wahl war tatsächlich geplant: Held und Schäffer brachten im Ministerrat die Sache zur Sprache, aber die anderen, besonders der Jurist, hatten große Bedenken. Hindenburg hätte es begrüßt, um seine Rechte zu stärken. Jetzt durch die Wahl überholt. Hitler habe in Berlin dem Held erklärt: Wenn Rupprecht etwas unternimmt, werde ich ihn aus dem Land weisen und sein Vermögen konfiszieren. Ich: Die Volkspartei hat nichts getan, die Rede von Held am Vorabend war sehr unglücklich, er erwähnte die Bauern gar nicht. Jetzt gebe es einen furchtbaren Bruderkrieg. Weil das Landvolk alle seine Hoffnung auf Hitler setzt. Jetzt erwarten, bis die Hoffnung enttäuscht wird, das wird sehr bald sein. Wir wissen, es wird schwer kommen.

Albrecht
Vermutlich: Erbprinz Albrecht von Bayern
habe erzählt: In Dietramszell ein Bauer mit 400 Tagwerk, früher bei der Volkspartei, weil aber die nicht für den König, wurde er Nationalsozialist, und weil die auch nicht für den König waren, ist er jetzt Kommunist. Papen hatte ihm erklärt - ich hatte ihm gesagt, daß Papen mir gesagt: Nur nicht ohne und nicht vor dem Norden, allein. Papen hatte ihn, Kress, Guttenberg
Vermutlich gemeint: Georg Enoch Freiherr von Guttenberg.
und einige eingeladen und sehr offen gesprochen. Kress habe ihm erklärt: Sie werden sehen, Hitler hat noch jeden enttäuscht. Er fühlt sich nicht an sein Wort gebunden. Versprechen, das Kabinett bleibe beisammen solange es ihm gelobt, jetzt werde er Reichswehrminister haben wollen. Er: Hier seien die Verhandlungen so weit, die Nationalsozialisten wollen Ministerpräsidenten, Innenminister und einen Staatsrat im Justizministerium. Im Ganzen ist er sehr gedrückt.
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